Eine schlechte Coverband, die vor meinem Wohnzimmerfenster randaliert reißt mich aus dem Schlaf. In der Innenstadt zu wohnen kann die Hölle sein – wenn zum Beispiel erster Mai ist. Abgesehen von der Tatsache, dass man an diesem Tag weder zur Schule, noch zur Arbeit muss empfinde ich den ersten Mai seit Jahr und Tag als Nerven zerreißend. Ich komme aus einem kleinen Dorf voller Schützen. Meine Mainächte wurden dominiert von grölenden, besoffenen Jungs, die mit Papas Trecker durch unser Dorf fuhren und die Bäume mit Klopapiergirlanden überzogen, sowie dem geheimen Wunsch am nächsten Morgen auch eine illegal gefällte Birke mit bunten Krepppapierstreifen, die wenn sie nass werden hübsche bunte Flecken auf den Hauswänden hinterlassen, auf unserem Balkon vorzufinden. Auf den hat sich allerdings nie jemand verirrt. Vielleicht rührt mein Groll auf den ersten Mai ja auch auf der bitteren Erkenntnis dieser ersten Maimorgende, und dem daraus resultierenden, schlecht ausfallenden Vergleich mit meinen Schulfreundinnen, die allesamt für Betrunkene leichter begehbare Grundstücke bewohnten.

Mittlerweile wohne ich in der Stadt. Trecker gibt es hier nur wenige. Betrunkene Jugendliche dafür umso mehr. Wenigstens brauche ich keinen Maibaum mehr um glücklich zu sein. Es würde mir schon vollkommen reichen, wenn all diese adretten, netten Bürger aus meinem Sichtfeld und vor allen Dingen meiner Hörweite verschwinden würden. Anti-Nazi-Banner prangen von ihren Ständen, Kinder spielen, während die Erwachsenen schwafeln und sich mit Grillwürstchen voll stopfen. Dabei haben sie ein selbstzufriedenes Lächeln auf den Lippen, weil man sich jetzt ja engagiert, etwas gegen die bösen Antidemokraten unternimmt. Neben dem Verdi-Informationsstand steht der Stand einer linksextremen Partei. Die Aktivisten lächeln freundlich und verteilen Informationsmaterial. Doppelmoral?

Der erste Mai ist der Tag der verschwendeten Energien. In Berlin zertrümmern linksextreme Autos, in Leipzig gehen die Nazis auf Anarchistenjagd, und in Kleinstädten wie hier gehen die Leute zur Anti-Rechts-Kundgebung. Würde man das ganze Geld, was in solche Kundgebungen gesteckt wird nehmen, und in Bildung, Sozialfonds und Integrationsprojekte stecken, hätte man wesentlich mehr gegen extreme Strömungen getan. Würde man den ersten Mai in seinem ursprünglichen Sinne begehen, und nicht als Anlass für Saufgelage und Schlägereien nehmen, könnte unsere Gesellschaft einige Schritte nach vorn tun.

Ich werfe noch einen Blick aus dem Fenster. Ein Regenschauer hat die Coverband dazu gebracht ihren schlecht performten Robbie Williams Abklatsch zu unterbrechen, und mit den anderen Dorftrotteln unter ein Zelt zu flüchten. Wenigstens der Himmel hat Erbarmen mit mir…

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