Schöne, bargeldlose Welt
2 August , 2008
Dieser Text entstand als Einsendung für den Visa-Journalisten-Wettbewerb.
Die Drehorgel spielt den Hummelflug von Rimski-Korsakow. Ich bleibe stehen und lausche. Schon oft hab ich dem einarmigen Drehorgelspieler beim Spielen zugeschaut. Seit ich denken kann steht er jeden Sonntag in der Fußgängerzone unserer kleinen Stadt und spielt seine Lieder. Im Sommer Klassiker, im Winter Weihnachtsmelodien. Als ich klein war warf ich kleine grünliche Kupfer überzogene Pfennige in seinen Zylinder, später waren es Centstücke. Mittlerweile zahle ich nur noch mit einem Stück Plastik.
Bezahlen, das hatte schon immer etwas mit ideellen Dingen und Kultur zu tun. In ganz alten Zeiten wurde Ware gegen Ware getauscht. Dadurch entwickelte sich irgendwann der Brauch schöne, unverderbliche Dinge, wie zum Beispiel Edelmetalle oder Schmuck gegen Waren zu tauschen. Bei Naturvölkern im Süden Asiens und Afrikas bezahlte man auch mit Kaurimuscheln, und das sogar bis ins 19. Jahrhundert hinein. Das erste Falschgeld waren daher auch nachgeahmte Muscheln, als diese etwa 2.000 v. Chr. das erste chinesische Zahlungsmittel waren.
Mit gefälschtem Geld gibt es heute keine Scherereien mehr. Jeder trägt seine persönliche Chipkarte an einem Kettchen um den Hals. Die Chipkarte gehört zu einem, oder auch zu mehreren Konten und ist durch die notwendige Identifizierung bei der Benutzung über einen Netzhautscan, durch einen kleinen Scanner im Spiegel neben jedem Kartenleser, hundertprozentig fälschungssicher.
Verliert man die Karte, funktioniert das wie mit den Kreditkarten der alten Zeit, man lässt sie vorsichtshalber sperren (Obwohl das eher ein altmodischer, lieb gewonnener Brauch ist.) und beantragt eine neue.
Das neue „Geld“ hat viele Vorteile. Es ist praktisch kein Kleingeld mehr in ein zu enges Fach eines Portemonnaies quetschen zu müssen, auch beim Schwimmen oder Sport jederzeit sein Geld zur Hand zu haben, und das Risiko des Diebstahls ist durch das Tragen um den Hals ebenfalls gesunken.
Ebendiese Aufbewahrung an der Kette hat übrigens ganz neue Modestilblüten getragen. Individualisten bestellen eine der bunten, bedruckten Karten, die die Banken heutzutage anbieten. Auf Sondereditionen verewigen sich gerne diverse Künstler. Die Reichen tragen ihre Karten natürlich an goldenen, diamantbesetzten Kettchen.
Wenn man die alten Zeiten noch kennt, findet man den Anblick von Kindern, die ihre Süßigkeiten an den Kaugummiautomaten, und Obdachlose die im Supermarkt ihren Sprit mit einer Karte bezahlen schon noch ein wenig kurios. Früher war das undenkbar. Die Zeiten von „Haste mal ne Mark?“ sind damit aber auch endgültig vorbei. Ein Schnorrer mit einem Kartenleser? Das wäre zu seltsam…
In den Comics aus meiner Kindheit hat Onkel Dagobert einen Speicher voll Goldmünzen, in dem er täglich schwimmt. Onkel Dagobert kennt heute niemand mehr und auch mein altes Sparschwein steht traurig und verstaubt im Regal meines Arbeitszimmers. Münzgeld. Der Gedanke daran lässt mich schon ein wenig sentimental werden… Und die alten Scheine… Ich weiß noch genau, wie mein Opa mir sonntags manchmal einen 5 Mark Schein, der damals schon selten war, in die Hand drückte: „Kauf dir was Schönes.“
Heute kauf ich mir was Schönes mit meiner Kreditkarte. Das geht ganz einfach. Ich muss nicht einmal mehr zur Bank. Die ist mittlerweile sowieso nur noch online und telefonisch erreichbar. Durch Onlinebanking und die nicht mehr bestehende Notwendigkeit von Bankautomaten konnten die Filialen eingespart werden. Jede Transaktion wird auf der Karte lückenlos dokumentiert. Durch elektronisches Geld ist das Leben einfacher geworden, aber nicht privater. Ich bin ein gläserner Mensch. Meist fällt mir das gar nicht auf. Nur wenn der Postbote mich beim Bezahlen meines Pakets mit der teuren Seidenunterwäsche so süffisant anlächelt ist mir das ein wenig peinlich. Aber was macht das schon, denn schließlich verrät mir seine Karte beim Einkauf im Supermarkt, an dessen Kasse ich arbeite, dass er sich erst kürzlich eine äußerst anrüchige Zeitschrift im Abonnement bestellt hat…
Ich schrecke aus meinen Gedanken, seufze, und ziehe ich meine Kreditkarte durch den kleinen Kasten auf der Drehorgel während ich einen Blick in den Spiegel daneben werfe. Der Orgelspieler lüpft den Hut. Auch wenn Bezahlen heutzutage einfacher ist, es fehlt mir schon, das Klingeln der Geldstücke.