Bildungslücken

21 Oktober , 2008

Also, normalerweise schreib ich ja eher wenig über Politik – weil ich mich dann nur aufrege, pausenlos schreiben müsste, und es letztendlich nichts ändert. Aber die Bildungspolitik, dass muss ich jetzt mal loswerden, bringt mich seit sieben Jahren fast täglich an den Rande eines Herzinfarktes!

Tschuldigung, hab ich da was nicht mitbekommen? Muss man um Bildungsministerin zu werden ein Zeugnis von akuter Dumpfnäsig- und Unfähigkeit vorlegen um diesen Posten zu bekommen?

Also, mal im Ernst, Frau Bulmahn war ja schon eine politische Katastrophe, die auf unangenehme Fragen nur lächelnd ausgewichen ist, aber Frau Schavan schlägt ihre Kollegin – obwohl ich das nie für möglich gehalten hätte – ja noch um Weiten. Diese Frau ist einfach unhaltbar! Wie kann man zu den aktuellen Statistiken bezüglich der Studienanfänger nicht mehr sagen als: „Och, das ist doch übertrieben!“??? Auch Pannen im Zentralabitur, steigende Studentenkredite, Frau Schavan nimmt es mit einem Lächeln hin. Klar, Frau Schavan hat bestimmt die Kohle ihre Kinder – sofern sie welche hat, in meiner zugegeben kurzen Recherche habe ich keine Hinweise darauf gefunden (was mir zu denken gibt) – auf die beste Privatschule und Uni zu schicken, die müssen sich dann auch nicht verschulden.

Schüler und Studenten in Deutschland sind seitdem ich zur Schule gehe (wahrscheinlich aber auch schon davor…) nur noch Versuchskaninchen, an denen unfähige Minister wie Schavan herumdoktern, um damit ihre politische Karriere voran zu treiben. Dabei scheint die gute Frau nicht in der Lage sein eine Sache zu erkennen: Das Problem, das Deutschland bezüglich der Bildungspolitik hat, ist nicht grundsätzlich, dass unser Bildungssystem schlecht ist, sondern dass die Politik seit Jahren versucht mit möglichst wenig Geldaufwand möglichst gute Ergebnisse zu erzielen.

Da werden Statistiken gefälscht (Weniger Stunden fallen aus, Jubeltrubel! Warum denn? Weil die Schüler gezwungen werden im Klassenzimmer zu hocken und Däumchen zu drehen, wenn der Lehrer krank ist, das heißt jetzt „Eigenverantwortliches Lernen“ und ist ein Heilmittel gegen Ausfallstunden. Ich nenne es plump MANIPULATION VON STATISTIKEN!), Statistiken schön geredet, Studenten in die Schuldenfalle geschickt (Der Staat geht ja mit gutem Besispiel voran), und Kinder, die aus nicht so Einkommensstarken Haushalten kommen und sich nicht verschulden wollen, vom Studieren abgehalten.

Ich sag euch was, das deutsche Bildungssystem ist für den Arsch die Katz’, weil unsere Bildungsminister, ganz gleich ob es Frau Bulmahn ist (die als Ex-Lehrerin ja ein bisschen Ahnung von der Materie haben sollte) oder Frau Schavan, einfach tausend Lichtjahre von der Basis entfernt sind. Weil ihnen der kleine Lehrer, der kleine Schüler, der kleine Student und der kleine Azubi da unten nicht mehr bekannt sind. Aber was noch viel schlimmer ist: Es geht ihnen am Arsch Allerwertesten vorbei! Frau Bulmahn habe ich damals mal in einer Pressekonferenz für Schülerzeitungsredakteure erlebt. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass Frau Schavan das „unangenehme-Fragen-weglächeln“ von ihr gelernt hat (interner Schulungskurs für Bildungspolitiker? Kann ich sowas auch bekommen? – „Frau Bleilaus, was ist der Unterschied zwischen densitometrischer und farbmetrischer Messung?“ *lächelgrinsWimpernklapper* „Ok, bestanden!“). Meine Fragen und die der anderen Schüler hat sie jedenfalls nicht beantwortet.

Liebe Frau Schavan, sollten Sie das hier lesen: ich übernehme gerne mal für einen Tag ihren Job! Das würde mich doch wirklich interessieren, ob ich Ihnen da vielleicht doch Unrecht tue. Ich werde hier auch darüber berichten, versprochen!

Und wenn ich dann groß bin, werde ich auch Bildungsministerin (und dann zeig ich euch Luschen mal wie das geht! ;) )!

9 Antworten zu “Bildungslücken”

  1. Kathrin sagte

    Damit sprichst du mir aus der Seele!!
    Mein Problem mit der Schule ist einfach, ich hätte wirklich gerne mehr gelernt, aber das hat mir da niemand ermöglicht. Wenn man sich bilden will, dann muss man das selber tun, so einfach ist das. Schenken tun die einem da nichts. Der Geschichts-Unterricht hat bei mir ungelogen (!!1) den 1. Weltkrieg weggelassen! Unglaublich, oder nicht? Ich glaube es gibt auch noch andere wichtige Themen, die wir einfach nicht behandelt haben. Sollte man auf dem Gymnasium nicht irgendwann mal Faust in die Hand genommen haben? Stattdessen kenne ich jetzt den Zitronensäurezyklus aus der Biologie, fand ich damals zwar sehr interessant, aber was nützt mir das heute? Man sollte auch lebenswichtige Themen, wie Selbstorganisation und Zeiteinteilung in der Schule vermittelt bekommen. Es gibt da einfach viele Lücken und ich befürchte, selbst ohne Unterrichtsausfällt (also wirklich ohne!) wären diese Probleme dennoch nicht gelöst.
    Soviel mal dazu. Ich find den Post übrigens gut und könnte da jetzt noch einiges mehr von meinem Senf dazugeben.

  2. bleilaeuschen sagte

    Ich hatte in meiner ganzen Schullaufbahn zwei schuljahre Politik, weil wir einfach nicht mehr Lehrer zur Verfügung hatten, da musste das dann halt wegfallen. In den zwei Jahren haben wir zwar interessante Dinge besprochen (Statistiken, die Rolle der Frau in der Gesellschaft), aber nicht einmal wie der Bundestag funktioniert. Als ich das erste Mal wählen durfte habe ich eine Sonderschülerzeitung rausgegeben, weil bei uns niemand eine Ahnug hatte, wie das mit dem Wählen funktioniert, warum man wählen gegen sollte, und wen man so wählen kann. Ganz wichtige Themen, wie z.B. Arbeitskampf und Gewerkschaften haben wir erst in der Berufsschule besprochen. Da fragt man sich doch: Wer bringt das den Studenten bei, die sich nicht von selbst dafür interessieren?

    Die Frage, die man sich auch stellen muss: Wie viel muss man sich selbst bilden, und wie viel muss die Schule vermitteln? Ich denke, aber das gerade durch Lehrermangel, die Grundlagenvermittlung in der Schule bei weitem nicht ausreicht. In Geschichte haben wir x Mal die französische Revolution und den zweiten Weltkrieg besprochen, Themen wie die Industrialisierung kamen aber nur am Rande vor. Über die DDR haben wir gar nicht gesprochen. Das kann doch nicht sein!

  3. Kathrin sagte

    Ja, das mit den vielen Wiederholungen kann ich nur bestätigen. Manche Themen treffen einen immer wieder, andere werden einfach vergessen. Ich finde es vor allem in Geschichte und Politik schade, so wenig zu wissen. Ich versuche ja, das nachzuholen, aber einfach ist das nicht. Mir fehlt da wirklich das Grundwissen bei einigen Dingen. Unter anderem haben wir auch de DDR und Napoleon weggelassen. Einfach viele wichtige Themen.
    Über Arbeitskampf habe ich noch niemals was gelernt. Man ist heute wohl einfach gezwungen sich alles selbst anzueignen. Die Schule tut das einfach nicht. Klar, das sollte geändert werden, aber es ist auch wichtig zu wissen, wie man für sich selbst mit den Bildungslücken umgehen möchte und muss.

  4. bleilaeuschen sagte

    Ich bin froh, dass ich mich dazu entschieden habe zuerst eine Ausbildung zu machen. Hier bekommt man durch Wirtschaftslehre und Politikunterricht die vorgeschrieben sind und auch abgeprüft werden dann noch mal die Chance ein bisschen was nachzuholen.

    Aber gerade dadurch hab ich auch gemerkt, was auf dem Gymnasium (!) alles gefehlt hat. Was mir die Oberstufe auch ziemlich versaut hat, waren die Beschränkungen in Sachen Leistungskurswahl. Dadurch, dass viele LKs nicht zustande kommen konnten, weil sie entweder von zu wenigen Schülern gewählt wurden, oder nur ein Lehrer zur Verfügung stand und so kein zweiter LK aufgemacht werden konnte, waren z.B. in meinem Deutsch LK viele Leute, die nur Deutsch gewählt haben, weil sie keine Ausweichmöglichkeit hatten. Dadurch sind wir nur sehr schleppend voran gekommen.

    Ich finde, dass die Systeme zur Begabten- und Benachteiligtenförderung, die ja durchaus in unser System integriert sind einfach nicht gut genug greifen.

    Außerdem sind die Klassen und Kurse viel zu groß. Ich habe bis zur zehnten Klasse immer mit mindestens 27-30 anderen Schülern Unterricht gehabt. Jetzt in der Berufsschule stelle ich fest wie angenehm Unterricht sein kann, wenn man mit nur knapp 20 Schülern lernt. Ein Lehrer kann sich – gerade in der Grundschule – nicht um 30 Kinder gleichzeitig kümmern. Wie soll das denn funktionieren?

  5. Tach Bleiläusecken,

    interessanter Blog-Eintrag! Fakt ist: als ich damals (vor 20+ Jahren) mein Abi in der Tasche hatte, habe ich mich nicht anders gefühlt. Du stehst da und fragst Dich: „Wozu waren die 13 Jahre gut?“ Unterhalte ich mich allerdings Heute mit 20jährigen, dann stelle ich in der Tat nochmal einen Unterschied fest. Die Vorbereitung auf ein Leben als mündiger Staatsbürger fand bei uns damals nur statt, weil es einzelne, engagierte Lehrer gab. Und weil einige Schüler politisch aktiv waren. Das wird Heute nicht anders sein. Unser Bildungssystem vermittelt zum grossen Teil Grütze. Ich erinnere mich an „EDV“ Kurse an der FH in denen es (zu Zeiten von Win 3.1) um Lochkarten ging. Dafür wurden wir in Chemie in der Oberstufe zu halben Kernphysikern gemacht. Was interessiert mich Heute das Van der Waalsche Atommodell?

    Das Problem waren damals und sind auch Heute Lehrpläne die an der Realität vorbeigehen und ein Gesamtsystem, dass die echte Freude am Lernen systematisch zerstört und an deren statt stupides pauken setzt. Diese Pläne werden von Menschen geschaffen die a.) keinen Bzug zur „Basis“ mehr haben und die b.) keinen Bezug zu Realität haben. Wie soll denn ein Berufspolitiker (Frau möge sich die weibliche Form bitte dazudenken) der i.d.R. Beamter ist denn einen Bezug zum Berufsleben haben? Wie soll jemand, der jeden Mist an Fortbildung von seinem Arbeitgeber gezahlt bekommt denn wissen wie es ist, wenn man für Bildung zahlen muss?

    Am schlimmsten daran finde ich allerdings, dass sich offenbar in 20 und mehr Jahren nichts geändert hat, wohl eher im Gegenteil. Schade, Deutschland!

  6. Kathrin sagte

    Ich habe da wirklich die gleichen Erfahrungen gemacht. Bei mir war die Klasse im Gymnasium sogar mal bei 36 Schülern!!!
    Das mit der Ausbildung ist vielleicht wirklich ein guter weg, aber bei mir nun zu spät. Ich habe ja mittlerweile mit dem öffentlichen Bildungssystem mehr oder weniger erfolgreich abgeschlossen. Aber die Frage ist, sehe ich mich als Opfer mangelnder öffentlicher Bildungsangebote? Die Antwort darauf ist mir nicht so ganz klar, aber ich glaub ich habe viel Glück dabei gehabt und das beste daraus gemacht. Das schafft nicht jeder. Manche werden auch zu Hartz IV Empfängern. Ich glaub, da kann ich mein Schicksal ertragen. Mir tut es leid für die anderen…

  7. bleilaeuschen sagte

    @Der Rennfahrer: Stimmt, da sprichst du einen wichtigen Punkt an. Der Schwerpunkt in der Bildung liegt immer noch sehr stark auf den Naturwissenschaften, dadurch gelangen die sozial- und politisch bildenden Fächer extrem in den Hintergrund. Es ist, finde ich schon bezeichnend, dass es möglich ist ein sprachliches Abitur oder ein naturwissenschaftliches Abitur machen zu können, jedoch kein geisteswissenschaftliches. Mir hat das den Spaß an der Schule sehr verdorben.

    Das Schlimme an unserer Bildungspolitik ist aber, dass sie immer erst Rückschläge abwartet und frühe Kritiker, die Ahnung von dem Thema haben, gar nicht zu Wort kommen lässt. Da müssen halt erst mal 1000 Schüler leiden ehe eingesehen wird, dass ein Plan doch nicht so gut war. Außerdem muss ja alles schnell schnell gehen. Planung kennen die Damen und Herren da oben offensichtlich nicht.

    @Kathrin: Na zumindest prinzipiell sind die öffentlichen Bildungsangebote da, aber ich denke, dass Schülern, wie der Rennfahrer sagte, auch so madig gemacht wird, dass kaum einer bereit ist sich neben der Schule noch selbst weiter zu bilden. Zumal jetzt mit dem Abi in zwölf Jahren ja noch weniger Zeit vorhanden ist um den Schülern den nötigen Stoff für später zu vermitteln.

  8. Kathrin sagte

    Klingt einfach so deprimierend. Wenn ich Kinder hätte, würde ich mir da jetzt wirklich Sorgen um deren Zukunft machen…

  9. Oliver sagte

    Die gesamte deutsche Bildungspolitik ist, verglichen mit anderen Ländern, einfach nur jämmerlich. Das fängt in der Schule an und zieht sich bis zur Erwachsenenbildung hin.

    Mehr braucht dazu nicht gesagt werden, da es hier bereits vortrefflich zum Ausdruck gebracht wurde.

    Manchmal habe ich das Gefühl, Frau Schavan arbeitet nach dem Grundsatz: Ein dummes Volk lässt sich gut regieren.

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