Zugbegleiter

26 Oktober , 2008

Nicht nur die Deutsche Bahn macht es einem schwer, sondern auch ihre Gäste. Gestern war ich mal wieder auf Tour durch die Republik. Zwei Bahnhöfe nach mir setzte sich ein junger Herr mir gegenüber, bewaffnet mit seinem Computer, woraus ich, auch aufgrund der Haltestelle nahe der Uni, schloss, dass er wohl Informatiker sein müsse. So weit so gut. Ist ja auch nicht schlimm. Darf sich ja jeder Informatiker mir gegenüber setzen, der will. Hätte der gute Herr nur nicht nach fünf Minuten angefangen zu gähnen. Seinen Mund riss er dabei so weit auf, dass ich das Gefühl hatte gleich die Mittagessen von zwei Tagen in seinem Inneren beim Brodeln beobachten zu können. Dieses Aufreißen ergänzte er dann noch durch das Reiben seines stoppeligen Kinns an der Oberkante seines Jackenkragens. Die gesamte Prozedur wiederholte er ca. alle fünf Minuten. Igitt.

Nach einer halben Stunde begann er den Inhalt seiner Nase an die frische Luft zu holen. Mittlerweile war auch eine Gruppe Fußballfans zugestiegen, die die Luft im Waggon mit dem Geruch von ausgeatmetem Bier überlagerte. Der Informatiker begutachtete seinen Fang gründlich, bevor er ihn fein säuberlich zwischen seinen Fingern zerrieb, die er dann genüsslich ableckte. Das war der Moment in  dem ich nicht nur darüber nachdachte den Platz zu wechseln, sondern auch gleichzeitig meinen Magen zu entleeren. Zwei Haltestellen vor meiner Endstation stieg er endlich aus.

Auch auf der Rückfahrt blieb ich vor geschmacklich fragwürdigen Übergriffen nicht verschont. Zwei Jungs, wohl etwas jünger als ich, waren der Meinung den Waggon mit ihrer Techno-Schlager-Kacke beschallen zu müssen. Solche Sitauationen machen mich rasend, besonders um zehn Uhr abends, wenn ich Hunger habe, und der Zug zwanzig Minuten Verspätung. Zuerst beginnt meine linke Augenbraue meine Stirn heraufzuwandern. Hat sie fast den Haaransatz erreicht und beginnt zu zucken, ist das kombiniert mit dem „Du-wirst-einen-qualvollen-grausamen-Tod-erleiden-Blick“ nicht nur ein konkretes Warnzeichen, sondern unter Umständen eine tödliche Waffe. Die meisten kleinen Jungs überlegen sich bereits wenn meine Augenbraue zu wandern beginnt recht schnell, dass sie ihre so called „Musik“ lieber über Kopfhörer weiter hören möchten. Die Jungs von gestern waren in so guter Stimmung, dass sie meine Augenbraue selbst nach eindringlicher Zurschaustellung nicht tangierte.

So etwas passiert mir selten, und zwang mich dazu mein weiteres Vorgehen gut zu überdenken. Ich überlegte wie gewaltbereit ich die beiden einzuschätzen hatte, und wie lang es wohl dauern würde bis sie ausstiegen. Erstere Überlegung gestaltete sich einfach. Durch seine Honk-Gebärdensprache und seine auffallende Vitalitärt offenbarte sich mir der eine als durchaus angriffslustig, wohingegen der andere, zusammengesunken dasitzend und nach frischer Luft röchelnd, wohl eher kurz  vor dem Alkoholtod stand. Ich grübelte also welcher eloquente Spruch meinerseits den Honk dazu bringen könnte sein plärrendes Handy auszuschalten, als Gott mich erhörte: Der Zug hielt an, die beiden stiegen, der eine laut randalierend, der andere eher torkelnd, endlich aus.

Ich seufzte, schaute mich um. Ruhe, endlich Ruhe, nach insgesamt an diesem Tag vier Stunden Zugfahrt, und drei Stationen vor dem Heimatbahnhof. Ich hasse Bahnfahren!

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